ZUSCHREIBUNGEN I.
Eine Frau, die lieber auf und nicht vor der Bühne sein würde. Und so
tut als würde ihr was sie sieht nicht gefallen …
Das kleine Mädchen mit den begeisternden Augen, der man
anmerkt das sie später auch mal auf der großen Bühne stehen will …
Das Mädchen mit dem liebvollen Blick, die nichts wahrnimmt, außer
der Angst sich erneut zu verletzen
Die stolze Mutter deren Tochter auf der Bühne steht
Der Vater der endlich begreift, wie es seinen Kindern wirklich geht
Der Mann, der nichts versteht, aber so tut als ob
Die Person, die Stolz zu ihrem Umkreis gesagt hat: Heute gehe ich
ins Theater
Das viel zu junge schüchterne Mädchen mit den langen braunen
Haaren, die ihr im Gesicht hängen, lächelt nie, weil ihr gesagt wurde
das ihre Zähne hässlich sind
Der Mann mit der Glatze und dem Anzug, der nach Schweiß und
Arroganz stinkt
Eine Mutter, die, seit sie drei Kinder hat ihr Leben verloren hat, jetzt
total langweilig ist und „was mache ich meinem Kind in die Brotdose
Videos“ auf Tick Tock hochlädt
ZUSCHREIBUNGEN II.
Das fette Schwein, was den Arsch vom Sofa nicht hochbekommt,
nur Bier trinkt, und seinen Sohn, der mit den blauen Flecken, schlägt
Die Frau vom Fetten, genauso hässlich, ist einfach zu ängstlich, um
ihrem Mann zu widersprechen
Das Kind, das jetzt alle nervt, aber eine komplette Charakter
Veränderung durchleben wird und sich über das frühere Ich lustig
macht
Der Mann, der nichts versteht, aber so tut als ob
Die Person, die gerne zuhören würde, aber sich nicht traut es zu
zeigen
Die Person, die Stolz zu ihrem Umkreis gesagt hat: Heute gehe ich ins
Theater
Die Schlampe mit den aufgespritzten Lippen die andere mobbt, um
ihr niedriges Selbstwertgefühl aufzuputschen
Der Familienvater, der seine Kinder über alles liebt, aber Alkoholiker
ist, weil seine Frau Ihn betrügt
NEU BEGINNEN
Kann es nicht endlich wieder Morgen werden, damit ich neu
beginnen kann. Aber Morgen wird genauso wie heute, Essen,
Lernen, Essen, denselben Weg spazieren gehen um dann wieder zu
lernen und dann schlafen zu gehen. Irgendwann breche ich aus,
irgendwann packe ich meine Sachen und werde einfach abhauen,
egal wo hin, einfach weg. Warum muss ich das überhaupt lernen,
wofür brauche ich das später. Ich wette, der Lehrer will uns damit
eine reindrücken. „Ja lernt ihr die mal bis nächste Woche, denn dann
gibt es eine Hausaufgabenkontrolle“. Mimimimimi mein Gott,
warum? Das ist so unnötig, später wird dich keiner Fragen, was der
Takt von irgendeinem Stück aus dem 16. Jahrhundert ist. Ich sitze
von morgens bis abends, bevor die Sonne richtig aufgegangen ist
und bis die Sonne untergegangen ist. Wie schön wäre es jetzt
irgendwo, wo keiner ist, kein Schulstress …
ALLES GETAN
Ich habe alles getan, alles.
Ich habe alles getan, was ihr wollt.
Habe alles getan, nur damit ihr mich mögt.
Habe alles getan, und doch war es nie genug.
Zu groß, zu klein, zu dick zu dünn und niemals genug.
"Deine Nase ist krumm", "Deine Augenbrauen sind hässlich" und "Du
bist eine der dicksten der Klasse"
All das sind eure Sätze und all diese Sätze habe ich jetzt
übernommen. Ich erzähle sie mir selbst. Immer und immer wieder,
und egal wie viel ich ändere, es wird nicht besser. Immer besser und
weiter muss es werden. Jetzt bin ich zwar perfekt genug für euch
und gehöre endlich dazu, doch nun kann ich mich nicht mehr
ansehen.
WATTE IM KOPF
Es ist kalt. Nass. Menschen strömen an mir vorbei.
Autoscheinwerfer blenden mich. Dunkle Wolken verdecken die
Sterne. Lärm. Unverständliche Worte. Motorgeräusche. Ein Hund
bellt. Links und rechts hell erleuchtete Schaufenster. Das Prasseln
des Regens auf dem Asphalt, doch nichts dringt richtig zu mir
durch. Als würde ich die Welt durch eine dicke Glasscheibe
wahrnehmen. Straßen und Lichter verschwimmen immer wieder
vor meinen Augen, egal wie oft ich auch blinzele. Die Geräusche
klingen dumpf, als hätte ich Watte in den Ohren. Nein, nicht nur in
den Ohren, als wäre mein ganzes Gehirn von Watte umgeben. Ich
kann keinen klaren Gedanken fassen. Ich fühle mich schwer. Alles
ist so schwer. Meine Beine bewegen sich von selbst. Mechanisch
setzten sie einen Fuß vor den anderen. Wieder und wieder.
Regentropfen prasseln auf mein Gesicht, aber ich kann sie nicht
spüren. Ein Ringen in meinen Ohren lässt jegliche Geräusche noch
undeutlicher klingen. Noch weiter entfernt. Alles ist so unreal. Oder
ich bin so unreal. Wie zwei Dimensionen, die nicht
aufeinanderpassen. So unreal. Ich wünschte ich könnte die Wand
durchbrechen, die mich von der Außenwelt abschirmt, aber mir
fehlt die Kraft. Ich bin wie versteinert. Meine Beine bewegen sich,
aber ich bin wie versteinert. Ich glaube, dass mein Gehirn von dem
Rest meines Körpers getrennt wurde, irgendwie. Eine leere Hülle,
die nur noch das tut, was zum Überleben notwendig ist. Im besten
Fall.
BIN ICH ALLEINE BESSER DRAN?
Bin ich alleine besser dran? Alleine, was impliziert das eigentlich?
Laut Definition hab ich dann kein Umfeld weder sozial noch
tatsächliche Menschen um mich. Alleine bin ich besser dran… den
Spruch haben schon viele gebracht aber stimmt es denn auch? Rein
evolutionär stimmt es auf jeden Fall nicht. Der Mensch ist ein
Herdentier, ein Soziales Wesen, was Bindungen braucht und in einer
Gruppe besser überlebt. Aber wir sind keine Höhlenmenschen
mehr, die ohne eine Familie verhungern würden. Im hier und heute
käme man prima alleine klar und viele Menschen leben ja auch allein.
Sie essen, schlafen und gehen arbeiten… allein. Sind sie dadurch
glücklicher? Ich für meinen Teil kann gar nicht abwarten allein zu
leben. Man muss keinen strengen Haushaltsregeln folgen, man isst
was man will und vor allem kommt Niemand alle 2 Stunden und sagt
dir, was du zu tun hast. Aber.. was wenn man Essen ans Bett
bekommt oder man nicht selbst das Bad putzen muss. Naja, alles
hat Vor- und Nachteile, oder nicht?
Aber trotzdem? Allein sein, hätte schon was… Man wäre endlich die
ganzen Arschgeigen los. Man wäre endlich allein… Wie oft schon
hab ich mir gewünscht einfach alleine zu lernen, meine Serien zu
schauen oder einfach meine Ruhe zu haben. So oft schon wurde
man verletzt, hat man jemand anderen verletz. Sie haben mich Dinge
glauben lassen, mich zu dem Menschen gemacht, der ich jetzt bin.
Und oft mag ich diesen Menschen nicht.
Hätte all das vermieden werden können, wenn ich allein gewesen
wäre. Ja, sicher aber auch die schönen Dinge hätte ich verpasst.
Aber was kümmert es mich, wenn ich allein bin und Dinge verpasse?
Ich hab sie schließlich nicht erlebt, also ist es egal. Dann kann ich
also auch genauso gut allein sein.
ZUSCHREIBUNGEN III.
Der kleine Sohn der katholischen Eltern, der sich heimlich schwulen
Pornos reinzieht
Der Scater boy, der immer auf cool und careless tut, aber eigentlich
in die brave Balletttänzerin verliebt ist
Der typisch amerikanische Junge der eigentlich was von älteren
Frauen will
Der, der immer freundlich ist aber jede Nacht heulend einschläft
wegen Trauma
Die braunhaarige Schlampe von Nebenan die auch bei den großen
Kindern mitkoksen will
Die brave Balletttänzerin, die gerne mal ausbrechen will und
wegrennen möchte
Die kleine Blonde, wo jeder denkt sie wäre total lieb, aber eigentlich
ist sie total versaut und eine Hure
Die Mutter mit dem krassen Leistungsdruck, weil sie selbst nie gut
genug für ihre Eltern war
Die offensichtlich Asoziale die eigentlich nur falschen Freunde hat
Die Schwester des kleinen Bruders, um den sie sich kümmern muss,
obwohl sie erst dreizehn ist
Die Frau, die sich neue Männer sucht, doch zuhause einen Ehemann
hat
Ein Junge mit Hemd und Hose, der in der Schule aber der totale fuck
boy ist und jede Woche eine andere hat
Ein Mädchen welches sich vollkommen als popular girl ausgibt, aber
auf social media komplett gemoppt wird
Eine total aufgestylte Tante die gestern auf ihr Konto geschaut hat
und es total im Minus war
Der Junge, der immer Witze macht, doch nicht seine Meinung sagt,
aus Angst vor Verurteilung
Der Mann, der nur da ist, weil seine Frau ihn angebettelt hat
Der Opa, der seiner Enkelin ein schönes Erlebnis schenken will,
obwohl er gerade seine Krebsdiagnose bekommen hat
Die fürsorgliche Mutter, die nur da ist, um nicht ihren Ruf zu verlieren
Der Mann der mit seinem Kind zum letzten Mal etwas unternimmt
bevor der Krebs ihn tötet und seinen Sohn als Weise zurück lässt
Die Frau aus der Ukraine, die neu in Deutschland ist und sich seit
Wochen wieder etwas gönnt, um abschalten zu können
ZUSCHREIBUNGEN IV.
Der Teenager der eigentlich gar kein Bock hat aber von seiner
Freundin gezwungen wurde mitzukommen
Das Mädchen, das selbst lieber auf der Bühne stehen würde als
zuzuschauen
Die Mutter, die nur da ist, weil ihr Kind mitspielt es aber eigentlich
mega fremdschämend findet
Der unsichtbare Junge dessen Crush mitspielt
Der Vater der gerade erfahren hat das sein Partner ihn verlassen will
Das psychisch unstabile Mädchen, das trotz der Trigger Warnung ins
Stück gegangen ist und gerade die Hölle durchmacht
Die Obdachlose, die sich heimlich reingeschlichen hat, um das
Gefühl von etwas Normalität zu haben
Die Freundesgruppe, die einfach nur eine schöne Zeit verbringen will
Der Lebensmüde …
Die stolze Mutter …
Der Junge …
Die Tante …
Theater et zetera
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